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Samstag, 19.05.2012


Erbaut

Architekt

Inbetriebnahme

Unter Denkmalschutz?

        1925/26

                          Richard Brademann

                  1927

                              ja

 
 


 

 

                            Kurze Einführung zur Bahnstromversorgung

Die Kremmener Bahn wurde von den drei Nordstrecken als letzte Strecke elektrifiziert. Bei den Strecken nach Bernau und Oranienburg wurde die Stromversorgung mittels Umformer hergestellt. Die Industrie war vor der Elektrifizierung nicht in der Lage, Gleichrichter für die Leistungsanforderung der S-Bahn zu liefern. In der Zwischenzeit aber war die Entwicklung der Gleichrichtertechnik so weit fortgeschritten, dass die Deutsche Reichsbahn die Kremmener Bahn als Versuchsstrecke für die Gleichrichtertechnik auswählte.


Bevor ich weiter das Gleichrichterwerk Tegel beschreibe, möchte ich kurz veranschaulichen, wie der Strom in die Fahrschiene kommt:


Das Kraftwerk liefert Drehstrom mit 110 000 Volt. Er wird für die bahneigene Versorgung auf 30 000 Volt (30 kV) heruntertransformiert. Diese 30 kV werden im Gleichrichterwerk auf 1300 V Drehstrom heruntertransformiert. Durch die Verluste bei der Gleichrichtung im  Gleichrichter werden  800 V Gleichstrom erzeugt. (Diese Angaben gelten für Quecksilberdampfgleichrichter). Die Gleichrichter sind wassergekühlt. Die Kühlanlage ist im Prinzip ähnlich wie die Kühlung beim Auto aufgebaut, siehe Zeichnung einer Rückkühlanlage hier. Danach erfolgt die Verteilung des Stroms auf die einzelnen Streckenabschnitte.


 

Das Gleichrichterwerk Tegel


Mit der Entscheidung, Gleichrichter statt Umformer anzuwenden, wurden auch andere Anforderungen an die Gebäudearchitektur gestellt: Gleichrichter sind ruhende Geräte mit einem verhältnismäßig geringen Gewicht. Daher konnten die Anforderungen an die Gebäudefundamente herabgesetzt werden.

Mit dem Gleichrichterwerk Tegel beginnt eine neue Ära im Bau der Bahnstromversorgungsgebäude. Richard Brademann setzt hier erstmals die Verblendung mit rotbunten Klinkern ein, die bei allen seinen zukünftigen Bauten sein persönliches Gestaltungs- und Erkennungsmerkmal sein werden.

 

Grundriss des Gleichrichterwerk Tegel. Zeichnung: Foto: Zeitschrift für Bauwesen 1930 Heft 2Grundriss des Gleichrichterwerk Tegel. Zeichnung: Foto: Zeitschrift für Bauwesen 1930 Heft 2

Das Gleichrichterwerk Tegel ca 1930 Im Hintergrund das zugehörige Beamtenwohnhaus. Foto: Zeitschrift für Bauwesen 1930 Heft 2Das Gleichrichterwerk Tegel ca 1930 Im Hintergrund das zugehörige Beamtenwohnhaus. Foto: Zeitschrift für Bauwesen 1930 Heft 2Perspektivischer Schnitt durch das Gleichrichterwerk Tegel ca. 1926. Foto: BSW-Gruppe Bahnstromanlagen S-BahnPerspektivischer Schnitt durch das Gleichrichterwerk Tegel ca. 1926. Foto: BSW-Gruppe Bahnstromanlagen S-Bahn

 

Das Gleichrichterwerk Tegel wurde 1925/26 an der Buddestraße 24/26 errichtet. Für die technische Ausrüstung genügt nur noch ein Gebäudekubus. Im Erdgeschoß werden die Transformatoren, Ölschalter und die 30 kV-Sammelschiene untergebracht. Im Obergeschoß befinden sich die Gleichrichter und die 800 V-Schaltanlage. Die technische Ausstattung erfolgte durch die Fa BBC (Brown Boveri & Cie - Baden, Schweiz).


Zwischen der Straßen- und der Gleisseite gibt es Gestaltungsunterschiede. Die Fassade zur Straße hin wird durch die Lüftungsschächte der Transformatorenzellen geprägt. Die Lüftungsschächte – die bei den vorangegangenen Bauten im Innern angeordnet waren – wurden erstmals bei dem Gleichrichterwerk Tegel als prägendes Gestaltungselement nach außen verlegt. Die damals rot gestrichenen Stahltore für die Transformatoren- und Ölschalterzellen wurden zwischen den Lüftungsschächten angeordnet.


Die Gleisseite ist ruhiger gestaltet. An den Gebäudeecken sind die über Eck geführten Treppenhäuser angelegt. Die Treppenhäuser schließen mit einer Abtreppung zu dem Gebäudemauerwerk hin ab.  Dazwischen sind die Zellentore angeordnet. Über den Toren befindet sich eine gesimsartige Betonplatte. Sie dient neben den gestalterischen Zweck dem Regenschutz. Diese Platte wurde bei den Gleichrichterwerken in Tegel und Hennigsdorf erstmals angewendet. Sie wird für die zukünftigen Bauten Richard Brademanns das charakteristische Gestaltungselement sein.


Kontroll- und Bedienungsgang 30 kV-Anlage ca. 1928. Foto: BSW-Gruppe Bahnstromanlagen S-Bahn Kontroll- und Bedienungsgang 30 kV-Anlage ca. 1928. Foto: BSW-Gruppe Bahnstromanlagen S-Bahn Kontroll- und Bedienungsgang 800 V-Anlage ca. 1928. Foto: BSW-Gruppe Bahnstromanlagen S-BahnKontroll- und Bedienungsgang 800 V-Anlage ca. 1928. Foto: BSW-Gruppe Bahnstromanlagen S-Bahn

 

Technische Rekonstruktion 1975

 

 Das Gleichrichterwerk Tegel speiste ursprünglich den Streckenabschnitt von Schönholz bis zur Mitte der Strecke Schulzendorf nach Heiligensee. Nach dem Mauerbau 1961 erhielt der Bf Heiligensee seine Stromversorgung nicht mehr vom Gleichrichterwerk Hennigsdorf, sondern vom Gleichrichterwerk Tegel.


Das Gleichrichterwerk Tegel behielt seine ursprüngliche technische Ausrüstung bis zum Jahr 1975. Für die Modernisierung kaufte die Deutsche Reichsbahn der DDR bei der AEG ein fahrbares Unterwerk. Die DDR-Industrie konnte diese Technik nicht liefern. Dieses versorgte für die Dauer der Arbeiten die S-Bahn mit Strom.


Das Werk erhielt Siliziumgleichrichter, die seit 1968 die alten Quecksilberdampfgleichrichter nach und nach ersetzten. Hier werden nur 660 V Drehstrom eingespeist die dann durch den Gleichrichter nicht nur zur Gleichspannung gerichtet sondern gleichzeitig zu 800 V hochtransformiert werden.


Die Schaltschränke wurden als Leerschränke aus DDR-eigener Produktion gekauft. Die komplette elektrische Ausrüstung wurde in Eigenproduktion hergestellt. Neben der elektrischen Erneuerung wurden auch neue Kompressoren eingebaut. Das Gleichrichterwerk wurde zwar elektrisch ferngesteuert, Schalthandlungen wurden per Druckluft ausgeführt (z.B. Abschalten von bestimmten Streckenabschnitten).


Das fahrbare Unterwerk der AEG 1975. Im Hintergrund das Humboldt-Gymnasium. Foto: BSW-Gruppe Bahnstromanlagen S-BahnDas fahrbare Unterwerk der AEG 1975. Im Hintergrund das Humboldt-Gymnasium. Foto: BSW-Gruppe Bahnstromanlagen S-BahnDie Gleisseite des Unterwerks. 1975 waren die Treppenhäuser oben nicht mehr abgetreppt. Foto: BSW-Gruppe Bahnstromanlagen S-BahnDie Gleisseite des Unterwerks. 1975 waren die Treppenhäuser oben nicht mehr abgetreppt. Foto: BSW-Gruppe Bahnstromanlagen S-Bahn
Schalttafel im Originalzustand 1975. Foto: BSW-Gruppe Bahnstromanlagen S-BahnSchalttafel im Originalzustand 1975. Foto: BSW-Gruppe Bahnstromanlagen S-BahnDer Eingang des Gleichrichterwerk Tegel. Links ist der Dienstwagen mit Ost-Berliner Kennzeichen zu sehen. Foto: BSW-Gruppe Bahnstromanlagen S-BahnDer Eingang des Gleichrichterwerk Tegel. Links ist der Dienstwagen mit Ost-Berliner Kennzeichen zu sehen. Foto: BSW-Gruppe Bahnstromanlagen S-Bahn
Kompressor für das Ausführen von Schaltvorgängen mittels Druckluft. Foto: BSW-Gruppe Bahnstromanlagen S-BahnKompressor für das Ausführen von Schaltvorgängen mittels Druckluft. Foto: BSW-Gruppe Bahnstromanlagen S-BahnSchaltschrank für Heizungssteuerung 1975. Foto: BSW-Gruppe Bahnstromanlagen S-BahnSchaltschrank für Heizungssteuerung 1975. Foto: BSW-Gruppe Bahnstromanlagen S-BahnInnenansicht eines Schaltschranks 1975. Die elektrische Ausrüstung wurde in Eigenproduktion hergestellt. Foto: BSW-Gruppe Bahnstromanlagen S-BahnInnenansicht eines Schaltschranks 1975. Die elektrische Ausrüstung wurde in Eigenproduktion hergestellt. Foto: BSW-Gruppe Bahnstromanlagen S-Bahn

 

1984 bis Heute

 

Das Gleichrichterwerk Tegel blieb auch nach der Betriebseinstellung der S-Bahn am 09.01.1984 in Betrieb. Die BVG führte auf der Strecke Tegel nach Reinickendorf ihre Probefahrten mit der neuentwickelten Baureihe 480 durch.


Für den 1998 eröffneten Streckenabschnitt Tegel nach Hennigsdorf wurde am S-Bf Heiligensee ein neues Gleichrichterwerk erbaut. Es versorgt den Streckenabschnitt Heiligensee - Hennigsdorf. Es ist im Stil eines Kleingleichrichterwerks, wie es als Standardtyp Richard Brademanns für die Ringbahn gebaut worden ist, errichtet.


Das Gleichrichterwerk Tegel steht unter der Nr. 09011887 der Denkmalschutzliste Berlin vom 07. Juni 2010 unter Denkmalschutz.


Das Gleichrichterwerk heute. Deutlich sind die veränderten Treppenhausabschlüsse zu sehen. Foto vom 23. April 2010. Foto: Lars MolzbergerDas Gleichrichterwerk heute. Deutlich sind die veränderten Treppenhausabschlüsse zu sehen. Foto vom 23. April 2010. Foto: Lars Molzberger Die Straßenansicht heute. Foto vom 23. April 2010. Foto: Lars MolzbergerDie Straßenansicht heute. Foto vom 23. April 2010. Foto: Lars Molzberger

Die Gleisseite. Deutlich sieht man die gesimsartige Betonplatte als Regenschutz und Gestaltungselement. Foto vom 23. April 2010. Foto: Lars MolzbergerDie Gleisseite. Deutlich sieht man die gesimsartige Betonplatte als Regenschutz und Gestaltungselement. Foto vom 23. April 2010. Foto: Lars MolzbergerDas Beamtenwohnhaus heute. Foto vom 23. April 2010. Foto: Lars MolzbergerDas Beamtenwohnhaus heute. Foto vom 23. April 2010. Foto: Lars Molzberger

 

 

Weiterführende Informationen zur Bahnstromversorgung: http://www.s-bahnstromgeschichten.de/haupt1.htm

Informationen zur Architektur entnahm ich den Buch von Susanne Dost:

Susanne Dost, Richard Brademann (1884 bis 1965) Architekt der Berliner S-Bahn, Verlag Bernd Neddermeyer 2002

Funktionsweise eines Quecksilberdampfgleichrichters: http://www.quecksilberdampfgleichrichter.de/

 

Zuletzt aktualisiert am Sonntag, den 31. Oktober 2010 um 14:20 Uhr